Was ist Schmerz?

Die International Association for the Study of Pain (IASP) beschrieb 1986 Schmerz mit dieser Derfinition

“ Schmerz ist eine unangenehme sensorische und gefühlsmäßige Erfahrung, die mit akuter oder potentieller Gewebeschädigung einhergeht oder in Form solcher Schädigung beschrieben wird.“

Die Schmerzerfassung und seine Verarbeitung ist ein Phänomen, das von somatischen, psychischen, emotionalen und kognitiven Faktoren geprägt wird. Eine große Rolle spielen hierbei auch der situative Kontext zwischen Alter, Geschlecht und dem soziokulturellen Hintergrund.

Es ist wichtig Schmerz und Nozizeption zu unterscheiden. Schmerz ist eine subjektive Empfindung, sie ist an die Aktivität des thalamokortikalen Systems gebunden und setzt Bewusstsein voraus. Nozizeption bezeichnet die Aufnahme noxischer ( schädigende) Reize, die Weiterleitung von Aktionspotentialen in nozizeptive Neuronen und die Verarbeitung der schmerzhaften Reize im nozizeptiven System.
Schmerz ist ein Warnsignal, das die Aufgabe hat, Störungen anzuzeigen, damit eine Schädigung des Organismus vermieden oder gar beseitigt werden kann. Zu allererst entsteht ein Schmerzreiz, dieser wird weitergeleitet und zentral verarbeitet. Dies führt zur Schmerzidentifikation, Schmerzlokalisation und letztendlich zum Schmerzerlebnis.

Entstehung des Schmerzes

Schmerz wird durch einen Schmerzreiz ausgelöst, der zu einer Gewebeschädigung führt. Dadurch kommt es zu einer Reizung der in der Haut befindlichen Nozizeptoren. Es werden verschiedene Mediatoren im Gewebe freigesetzt, wie zum Beispiel Bradykinin, Serotonin, Histamin und Acetylcholin. Des weiteren werden Prostaglandine gebildet, die ebenfalls schmerzauslösend wirken. Manche Nozizeptoren sprechen nur auf ganz bestimmte Reizqualitäten an, deren Ursachen mechanisch, chemisch oder thermisch sein können. andere polymodale Schmerzrezeptoren benötigen eine zeitgleiche Schädigung thermischer und mechanischer Ursachen. Nozizeptive Nervenfasern in peripheren Nerven bilden das periphere nozizeptive System. Fast alle Organe bzw. Gewebe werden von Nozizeptoren innerviert.
Der größte Teil des Zentralnervensystems ist nicht schmerzempfindlich. Von den intrakraniellen Strukturen können nur die Gefäßwände, die Dura mater und die Hirnnerven Schmerzen hervorrufen.

Weiterleitung des Schmerzes

Wenn die Nozizeptoren erregt werden verläuft diese Erregung in verschiedenen Fasertypen.

a) Markhaltige A-Delta Fasern mit einem Durchmesser von 1 bis 4µm und einer Leitungsgeschwindigkeit von 3-20 m/sec. Sie vermitteln den sogenannten „ersten Schmerz“, der den Schmerzcharakter hell und gut lokalisierbar hat. Er vermittelt eine kurze und rasche Empfindung.

b) Marklose C-Fasern mit einem Durchmesser von nur 0,2 bis 1µm und einer Leitungsgeschwindigkeit von 0,2 bis 2 m/sec. vermitteln den „zweiten Schmerz“, der dumpf und schlecht lokalisierbar ist.

Über afferente schmerzleitende Fasern wird die Erregung über die Hinterwurzeln ins Rückenmark geleitet. Von dort aus gelangt die Schmerzinformation über den Thalamus und dem limbischen System (Affektzentrum) zu den Rindenfeldern des Großhirns. Der Thalamus ist verantwortlich für die Schmerzlokalisation bzw. für die Schmerzempfindung. Eine weitere Information gelangt über subkortikale Stammganglien zum limbischen System. Dieses ist zuständig für das affektive und emotionale Verhalten, also für die Schmerzidentifikation. Nach Weiterleiten der Schmerzinformation zu den Assoziationsarealen der Hirnrinde wird der Schmerz in ein subjektives Schmerzerlebnis umgesetzt.

Schmerzklassifikation nach Art der Schmerzentstehung

physiologischer Nozizeptorschmerz entsteht, wenn gewebeschädigende Reize auf gesundes Gewebe einwirken. Er warnt vor Gewebeschädigung und es werden gleichzeitig geeignete Abwehrreaktionen ausgelöst. z.B. Wegziehreflex.

pathophysiologischer Nozizeptorschmerz wird durch pathophysiologische Organveränderungen ausgelöst. z.B. eine Entzündung. Er ist ein wichtiges Symptom vieler Erkrankungen. Häufig erzwingt er ein Verhalten, das die Heilung begünstigt. (Ruhigstellung einer verletzten Extremität)

neuropathischer Schmerz entsteht durch Schädigung der Nervenfasern selbst. Er ist abnormal, weil er nicht der Gefahrenerkennung dient.

Schmerzklassifikation nach dem Entstehungsort

Schmerz lässt sich in somatischen und viszeralen Schmerz einteilen.
Vom somatischen Schmerz spricht man, wenn die Schmerzempfindung von der Haut, den Muskeln, den Gelenken, den Knochen oder dem Bindegewebe ausgeht. Noxische Reizung der Haut löst den Oberflächenschmerz aus. Von Muskeln,
Gelenken, Knochen und vom Bindegewebe kommende Schmerz wird als Tiefenschmerz charakterisiert.
Oberflächenschmerz hat einen hellen Charakter, ist gut lokalisierbar und klingt nach Aufhören des Reizes schnell ab. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, eine reflektorische Fluchtreaktion einzuleiten. Diesem ersten Schmerz folgt oft, insbesondere bei hohen Reizintensitäten, nach kurzer Pause ein zweiter Schmerz von dumpfem oder brennendem Charakter. Dieser ist schwer zu lokalisieren und klingt langsam ab.

Schmerzklassifikation nach der Dauer des Schmerzes

Der akute Schmerz hat eine begrenzte Dauer und klingt nach Beseitigung der auslösenden Schädigung schnell ab. Er hat eine Warnfunktion. Von chronischen Schmerzen wird gesprochen, wenn sie länger als ein halbes Jahr bestehen , bzw. ständig wiederkehren (z.B. Migränekopfschmerz). Schmerzen können über viele Jahrzehnte Begleitsymptom chronischer Krankheitsprozesse sein.

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