Schluckstörungen auf Intensivstation

 Schluckstörungen auf ITV und  Normalstation

 

Folgende Faktoren haben großen Einfluss auf die Fähigkeit, sicher zu schlucken. Je mehr davon auf einen Patienten zutreffen, desto sicherer ist eine Schluckstörung. Aber auch schon ein Faktor kann ausreichen:

 

–          Intensivpatienten! sind meistens multimorbid! Kooperation, Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit, Kraft und Ausdauer sind gestört. Das bedeutet, Essen kann u.U. nicht mehr eigenständig eingenommen werden oder Patienten dekompensieren schnell, Essen wird nicht richtig gekaut, zu lange im Mund behalten, der Schluckreflex ist verzögert, etc…

 

–          Alter! Ältere Menschen habe sehr oft eine sog. Presbyphagie ( Schluckstörung aufgrund des Alters). Die Sensibilität der Schleimhäute nimmt ab, die Flexibilität der Muskeln und Bänder nimmt ab, knorpelige Teile versteifen , Hunger / Durstgefühl nehmen ab, Reaktionen und Reflexe werden langsamer.

 

–          Vigilanz! Wie wach ist der Patient? Öffnet er nur die Augen oder ist er adäquat und orientiert, wie mobil ist er, wie ist der Körpertonus, ist er kooperationsfähig, ist er verlangsamt oder schnell erschöpfbar?

 

–          Trachealkanülen! Trachealkanülen behindern mechanisch das Steigen des Kehlkopfes beim Schluck. Der Kehldeckel kann nicht mehr richtig schließen und die Luftwege schützen, genauso wenig können die Stimmlippen schließen. Dies führt auch zu einer ungenügenden Öffnung des oberen Ösophagussphinkters. Speisereste bleiben liegen und laufen zwischen den Aryknorpeln in den Luftweg. Bei manchen Patienten setzt der Schluckreflex sogar ganz aus. Weitere Komplikationen sind Sprech- und Schluckunfähigkeit (orofaciale Muskeln „rosten“ und Schleimhaut trocknet ein), Riechunfähigkeit ( Essen kann nicht mehr geschmeckt werden), lokale Reizungen und Entzündungen, bei geblockten Kanülen kann der Cuff Tracheomalazien hervorrufen oder auf den Ösophagus drücken, was wiederum die ösophageale Phase beim Schlucken stört.
Geblockte Kanülen sind kein dauerhafter Aspirationsschutz! (Studie 2007, U. Winklmaier) Flüssigkeiten rutschen vorbei und Essensreste bleiben oberhalb des Cuffs liegen! Schutzreflexe wie husten oder Würgen können nicht richtig funktionieren, aspiriertes Material kann nicht abgehustet werden. TKs verändern auch die Druckverhältnisse im Laryngotrachealen Raum, dass bedeutet, der beim Schluck benötigte subglottische Druck kann nicht oder nur ungenügend aufgebaut werden, die Koordination zwischen Schluckreflextriggerung, Stimmlippenverschluss und Apnoe während des Schluckens ist komplett gestört.

 –          Lagerung! Der Patient sollte grundsätzlich NUR im Sitzen essen und vor allem trinken. Liegen oder gar Seitenlage erschweren das Schlucken und provozieren Aspirationen. Nach dem Essen mind. 20 min sitzen lassen, damit kein Reflux einsetzt. TK Patienten sollten entblockt und abgesaugt werden nach JEDEM Essen. Mundpflege ist unerlässlich! Grundsätzlich gilt: Wenn schon geblockt, dann NIE den Cuff überblocken bei der Essensgabe…dann lieber gar kein Essen. Ein überblockter Cuff behindert den Schluck und provoziert erst recht Aspirationen!

 

–          Hierarchie Nahrungskonsistenzen: Erst BREI dann FEST und ganz zum Schluss mit Vorsicht Flüssiges. Meist müssen Flüssigkeiten erst mal angedickt werden, weil z.B. Wasser oder Suppe schneller den „Hals runterläuft“ als der Reflex einsetzt und das ganze System reagieren kann.

 

–          Nasale Ablaufsonden! Ablaufsonden sind aus einem festen Kunststoff und vom Durchmesser recht dick. Vor allem die 2-lumigen. Durch das große Lumen und das starre Material ist der Kehldeckel beim Schluck behindert und kann den Kehlkopf nicht mehr richtig verschließen. (Die Epiglottis kann bis 2mm dickes oder sehr nachgiebiges Material gut kompensieren) Auch Drucknekrosen oder Schleimhautreizungen durch die Sonden sind bei längerer Liegezeit wahrscheinlich, der Patient hat möglicherweise Schmerzen beim Schluck.

 Fazit:

Auf einer ITV liegen meist immobile Patienten mit gestörtem Immunsystem, herabgesetzter Kraft und Ausdauer, verminderter Kooperationsfähigkeit durch HOPS oder Medis o.ä.

Bitte Vorsicht bei Kostaufbau, denn Ziel ist es, Aspirationspneumonien zu verhindern und Absaugen zu vermindern. Jede Pneumonie verlängert die Liegezeit (auch wirtschaftliche Folgen!) und ist der Genesung des Pat. abträglich.

Schluckstörungen (gerade bei Tracheostomapatienten) sind genauso ernst zu nehmen wie die anderen Diagnosen auch, denn wiederholtes Verschlucken kann gravierende, gesundheitliche Folgen haben.

 

Kleine Info:

 

80% der Patienten, die Langzeitintubiert sind, haben dadurch eine Schluckstörung.

Ca. 77% der tracheotomierten Patienten aspirieren still.

 

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  • an manchen tagen schluckstörung reflex
  • mundpflege bei geblockten kanüle

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