Den Kassen laufen die Kosten davon

Bericht Südkurier vom 12.03.2011

Den Kassen laufen die Kosten davon

Friedrichshafen – Es gibt kaum eine Fernseh-Talkrunde, die sich mit Gesundheitsfragen beschäftigt, in der der Bundestagsabgeordnete Prof. Dr. Karl Lauterbach nicht als Gast eingeladen ist. Er gilt als der SPD-Gesundheitsexperte und jemand, der in der Regel sehr pointiert Stellung bezieht. Gestern Mittag war der prominente Politiker, der selbst Mediziner ist und „geballte Kompetenz im Gesundheitswesen“ vorzuweisen habe, so Johannes Weindel, zu Gast im Klinikum Friedrichshafen. Der Geschäftsführer hatte zusammen mit dem hiesigen Landtagsabgeordneten Norbert Zeller Ärzte und Funktionäre aus der Region zu einem Fachgespräch mit Lauterbach eingeladen, dem etwa 30 Interessierte gefolgt waren. Zuvor allerdings führte man den Gast durchs neue Mutter-Kind-Zentrum, dessen Konzept und Ausgestaltung Lauterbach sichtlich imponierten.

Obwohl das Klinikum Friedrichshafen wirtschaftlich sehr gut aufgestellt ist, beschrieb Klinikchef Weindel diesen Erfolg als Ergebnis „unendlicher Anstrengungen“. Die seit Jahren praktizierte Deckelung der Gelder im Gesundheitswesen sorge für extreme Herausforderungen. Wie sollen medizinischer Fortschritt und die Fachkräfte dafür künftig finanziert werden, wollte Weindel wissen. Eine Steilvorlage für Karl Lauterbach, der zunächst darauf verwies, dass sowohl die privaten als auch gesetzlichen Kassen bereits instabiler seien als gedacht. Und: Die Zahl der Schwerkranken werde in den nächsten 20 Jahren um mindestens 20, wohl eher 50 Prozent steigen, weil die einstige Babyboom-Generation ins Rentenalter kommt und obendrein – mit allen Altersgebrechen – immer älter wird. „Beide Kassensysteme sind auf diese Herausforderung nicht vorbereitet“, erklärte Lauterbach. Den privaten Kassen liefen die Kosten davon und den gesetzlichen Kassen, die Zusatzbeiträge erheben müssen, die Versicherten. Enorme Beitragssteigerungen seien ergo ebenso absehbar wie die zunehmende Rationierung des Leistungskatalogs.

Die SPD werde deshalb im Mai ihr Finanzierungs-Modell einer Bürgerversicherung vorstellen. Das basiere auf gleich hohen Beiträgen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, ergänzt um einen Steuersumme X. Die Bürgerversicherung soll für jeden neu zu Versichernden gelten, egal ob er bei einer gesetzlichen oder privaten Kasse versichert ist. „Bestandskunden“ auch bei den Privaten hätten demnach die Wahl.

Nach Themen wie Ärztemangel, Abrechnungsbürokratie und Honorarverteilung kam die Rede doch wieder auf die Finanzierung des Gesundheitswesens. Auf die Frage nach Reserven im System benannte Lauterbach das hohe Preisniveau bei Arzneimitteln, aber auch unnötige Eingriffe beispielsweise in der Kardiologie. Einig waren sich Weindel und Lauterbach letztlich in der Einschätzung, es gebe nach wie vor zu viele Krankenhausbetten, was mancherorts zu einem enormen Konkurrenzdruck führe. „Wir brauchen einen fairen Qualitätswettbewerb und eine zunehmende Zentralisierung“, nahm Lauterbach klar Stellung dazu. Und nur an dieser Stelle ließ er ein Wahlkampf-Bonmot zugunsten von Norbert Zeller neben ihm auf dem Podium hören. „Da sehe ich aber keine Impulse von Schwarz-Gelb.“

Quelle: Südkurier
http://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis-oberschwaben/friedrichshafen/Den-Kassen-laufen-die-Kosten-davon;art372474,4770824

Cyberfussel

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Bis 1989 Rettungsdienst (SMH) in Halle/Saale. In der Pflege seit 1990. 1995 Fachausbildung AI.

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