Gewalt gegen Pflegekräfte

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Pflegekräfte sind zunehmend brutaler seelischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt

Das Schicksal der in der Pflege involvierten Menschen dringt selten an die Öffentlichkeit. Durch einseitige Berichterstattung der Medien zugunsten der pflegebedürftigen Menschen wird ein negatives Meinungsbild des Pflegepersonals in der Öffentlichkeit geformt. “Todes-Engel” machen stets bundesweit Schlagzeilen, wird eine Pflegekraft Opfer einer Gewalttat, wird darüber allenfalls regional berichtet, wenn dies besonders spektakulär war.

Was man sich an anderer Stelle, z.B. beim Besuch einer Behörde oder in einer KFZ-Werkstatt nie trauen würde, ist Pflegealltag in Krankenhäusern: Es geht los mit plumpem Duzen über anzügliche Bemerkungen bis hin zu Beleidigungen und Bedrohungen. Tätlichkeiten sind nicht so selten wie man glaubt. Täter sind dabei oft nicht nur die PatientInnen, sondern auch deren Angehörige. Hilfe von Vorgesetzten ist oft nicht zu bekommen. Ein drastisches Beispiel hierfür ist das Kidnapping einer Nachtschwester vor einigen Jahren. Erst danach wurde in dem entsprechenden Krankenhaus zumindest Nachts ein Wachdienst eingeführt.

In der Altenpflege bilden mehrere Faktoren die Ursache für Gewalthandlungen gegenüber Pflegekräften. Pflegende, egal ob Laien oder Fachkräfte sind aufgrund mangelnder personeller und materieller Unterstützung bei ihrer Tätigkeit stark überfordert. Wirkungsvolle Hilfen bei psychischen oder physischen Nöten fehlen in der Regel oder sind nicht umsetzbar.

Oft können alte Menschen ihren eigenen Alterungsprozess nicht akzeptieren, ertragen dadurch ihre zunehmende Hilflosigkeit und damit wachsende Fremdbestimmung nicht. Die gewalttätigen Handlungen pflegebedürftiger Menschen decken ein weites Spektrum ab. Körperverletzungen und Morddrohungen stehen auf der “Tagesordnung”. Da viele Pflegekräfte Angst vor einem Arbeitsplatzverlust haben, bleiben viele Delikte ungeahndet. Hilfe für die Betroffenen bleibt aus.

Meist ist nur die Rede von schlechtbehandelten, alten Menschen, niemals aber von der weiter zunehmenden Zahl gewalttätiger, alten Menschen.

In der häuslichen Pflege sind nicht nur die ambulanten Pflegekräfte Opfer, sondern auch pflegende Angehörige. Ihnen fehlt dann sogar die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, weil sie mit dem Täter unter einem Dach wohnen, während der Pflegedienst, der die Pflegekraft entsendet, durchaus den Pflegevertrag kündigen könnte.

Juristische Aspekte der Gewalt

Der Täter:
Macht sich unter Umständen folgender Vergehen nach StGB schuldig: Bedrohung § 241, Beleidigung § 185, Körperverletzung § 223ff., Nötigung § 240, Hausfriedensbruch §123. Mildernd kommt hier bei PatientInnen ggf. eingeschränktes Einsichts- und Steuerungsvermögen in Betracht.

Das Opfer:
Kann unter Umständen wegen Nötigung oder Körperverletzung belangt werden, wird aber in der Regel wegen Notwehr oder Nothilfe straffrei ausgehen, sofern die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt.

Möglichkeiten des Trägers:
Disziplinarische Entlassung von PatientInnen, Hausverbot gegen Angehörige und/oder PatientInnen, Strafanzeige; Kündigung von Heim- oder Leistungsvertrag.

Pflichten des Arbeitgebers

Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet jeden Arbeitgeber, die Arbeit so zu gestalten, “daß eine Gefährdung für Leben und Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird”. Hierfür hat der Arbeitgeber die möglichen Risiken zu erfassen, zu dokumentieren und “an ihrer Quelle zu bekämpfen”.

Das Arbeitschutzgesetz bezieht sich zwar in erster Linie global auf “alltägliche” Risiken (Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten etc.), läßt sich aber in vielen Bereichen problemlos auch auf das Thema “Gewalt gegen Pflegekräfte” übertragen.

Präventive Maßnahmen haben Vorrang vor allen anderen!

Präventive Möglichkeiten

Die Prävention gegen Gewalt ist natürlich abhängig vom konkreten Risiko: In psychiatrischen Kliniken wird das Risiko höher sein als in Altenheimen oder im ambulanten Pflegedienst.

Die Prävention sollte schon bei der Auswahl des Klientels beginnen (Vermeidung von “Fehlbelegung”). Z.B. sollten eindeutig “psychiatrische” Patienten mit hohem Gewaltpotential nicht in Einrichtungen für “normale” Behinderte aufgenommen und dort unter falschen Argumenten (“Wenn nicht WIR ihr helfen können, wer dann??” – hey, es gibt immer bessere Einrichtungen!) behalten werden.

Eine der häufigsten von Patienten/Bewohnern angewandte “Gewaltformen” in stationären Einrichtungen ist die psychische Gewalt, die sich z.B. äußert durch:

unnötige Unselbstständigkeit
absichtliches Einnässen
Boykottieren der nötigen Pflegehandlungen
permanentes Klagen und Nörgeln
maßlos überzogene Erwartungs- und Forderungshaltung
Pflegekräfte gegeneinander ausspielen
Verleumdung
Beschimpfungen
Da dies oft assoziiert ist mit dementiellen oder psychiatrischen Erkrankungen, sollten die eingesetzten Pflegekräfte entsprechend geschult werden.

Zur Prävention körperlicher Gewalt sollten in “Hochrisikobereichen” wie Psychiatrie oder Gerontopsychiatrie verstärkte Sicherheitsmaßnahmen gelten, z.B.:

stets mindestens 2 Pflegekräfte anwesend oder
ein Arzt oder eine weitere Pflegekraft in “Rufweite”;
Sicherstellung des Notrufs durch entsprechende technische Anlagen (z.B. persönlichen Notfallpieper)
In “mittleren Risikobereichen” wie Notfallambulanz, peripheren Stationen im KH und Pflegeheimen z.B.:

Erreichbarkeit benachbarter Stationen
(nächtlicher) Wachdienst
In “geringen” Risikobereichen wie ambulanten Pflegediensten z.B.:

Mitführen von (Dienst-)Handys mit Ortungsmöglichkeit.
Nach den einschlägigen Arbeitsschutzgesetzen und -verordnungen muss der Arbeitgeber gewährleisten, dass ein allein arbeitender Arbeitnehmer bei einem schweren Unfall binnen 15 Minuten Hilfe erhält. Zu solchen “Unfällen” zählen auch Gewalttätigkeiten! Dazu eignen sich neben Überwachungskameras, die jedoch aus Daten- und Personenschutzgründen umstritten sind, insbesondere Personen-Notsignal-Anlagen. (Quelle: Pressemitteilung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege vom 4.12.2003)

Eine simple “Präventionsmaßnahme” ist auch ein sicherer Rückzugsraum mit der Möglichkeit, Hilfe herbeizurufen. Das kann ein Dienstzimmer sein mit einer Tür, die sich von außen nur mit einem Schlüssel öffnen läßt. Im Dienstzimmer sollte ein Telefon mit Amtsleitung sein (rein interne Telefonanlagen sind da nutzlos). In der Nähe des Telefons sollte die Nummer des nächsten Polizeireviers zu finden sein.

Für weniger geeignet halten wir z.B. Selbstverteidigungskurse.

Möglichkeiten des Betriebsrates

Der Betriebsrat hat gem. § 87 Abs.1 Nr.7 BetrVG ein Mitbestimmungsrecht “über die Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten sowie über den Gesundheitsschutz”. Die Einführung eines Meldebogens über besondere Vorkommnisse fällt unter §87 Abs.1 Nr.1 (Fragen der Ordnung des Betriebes). Der Betriebsrat kann Maßnahmen zum Schutz der Arbeitnehmer vor Gewalt notfalls auch erzwingen.

Möglichkeiten des Opfers

Manche Arbeitgeber sind gegenüber dem Thema “Gewalt gegen Pflegekräfte” blind und beratungsresistent. Probleme mit Gewalt werden entweder verleugnet oder mit einem Schulerzucken abgetan. Hier hilft es, die ureigensten Rechte und Pflichten auszuschöpfen:

Jede gewalttätige Handlung eines Bewohners/Patienten ist sorgfältig in der Dokumentation festzuhalten, dabei sind euphemistische Umschreibungen (“Herr B. war wieder ungehalten”) zu vermeiden (besser: “Herr B. hat mich bei der Grundpflege geschlagen (und mir dabei folgende Verletzungen zugefügt:…)).
Jede gewalttätige Handlung eines Bewohners/Patienten sollte im Team thematisiert werden. Wiederholte Gewalttätigkeiten müssen unbedingt auch den Vorgesetzten und dem Arbeitgeber mitgeteilt werden (letzterem am besten schriftlich).
Jede Verletzung, die sichtbar, sehr schmerzhaft oder behindernd ist, sollte umgehend, spätestens nach Feierabend oder am nächsten Tag, einem D-Arzt, notfalls auch dem Hausarzt, gezeigt werden. D-Ärzte haben eine besondere Berechtigung, Arbeitsunfälle zu behandeln, und melden jeden Arbeitsunfall der zuständigen Berufsgenossenschaft. D-Ärzte sind in der Regel niedergelassene Unfallchirurgen und chirurgische Ambulanzen an Krankenhäusern.
Sachschäden (zerbrochene Brille, zerrissene Kleidung) sollten dem Arbeitgeber gemeldet und in Rechnung gestellt werden.
Der bei manchen Arbeitgebern zwangsläufig erfolgende Hinweis, daß für Verletzungen und Schäden der Patient/Bewohner bzw. dessen Haftpflichtversicherung zuständig sei, ist falsch und zurückzuweisen!

Ein häufiger “Schadensfall” ist, wenn ein Bewohner/Patient nach einer brillentragenden Pflegekraft schlägt (aus welchem Grund auch immer) und die Brille daraufhin kaputtgeht. Hier kommt die gesetzliche Unfallversicherung zum Tragen:
Ҥ2 SGB 7 Abs.1
Kraft Gesetzes sind versichert
1. Beschäftigte,
2. Lernende während der beruflichen Aus- und Fortbildung (…)
§8 Abs.3
Als Gesundheitsschaden gilt auch die Beschädigung oder der Verlust eines Hilfsmittels.”

Konfliktfeld Pflege – Jutta und Peter Rehder
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